Die Entwicklungsgeschichte des Fan-Projekt Dortmund e.V.

Eine vollständige Chronik findet Ihr in der Festschrift. Diese steht hier als Download bereit. (40 MB)

Die Gründungsjahre

Am 29. Mai 1985 kam es im Brüsseler Heysel-Stadions zu einer Katastrophe. Unmittelbar vor Beginn des Europapokal-Endspiels zwischen Juventus Turin und dem FC Liverpool stürmten englische Fans den benachbarten, mit Italienern besetzten Block und lösten damit eine Massenpanik aus. Zahlreiche Menschen wurden überrannt und an Zäunen und Mauern erdrückt. Als Folge der Ausschreitungen starben 39 Menschen und über 400 wurden, teilweise schwer, verletzt.

Englische Fußballfans wurden fortan eng mit dem Begriff "Hooligans" in Verbindung gebracht, der bis dahin lediglich die Gazetten Englands beherrschte, 1985 dann aber seinen Einzug in die Sportberichterstattung des europäischen Festlandes fand, denn die Phänomene des "Hooliganism" waren keinesfalls auf die Insel beschränkt. Diese "neue Gefahr für den deutschen Fußball" sensibilisierte nun auch in ganz Deutschland Fußballvereine und Politiker. Sicherlich nicht zufällig begann damals ein sehr erfolgreiches Projekt zur Betreuung der Fan-Szene in Dortmund. Der Fanclub "Borussenfront", 1983 durch einen Artikel im Stern bundesweit bekannt geworden, stand der rechtsextremen Szene nah und alle Versuche, die gewaltbereite Fanszene durch Ausgrenzung und polizeiliche Intervention zu befrieden, schienen gescheitert.

Zudem war die Erkenntnis, mit den Bedürfnissen und Befindlichkeiten der deutschen Fußballfans sozialpädagogisch und professionell umgehen zu müssen, schon früher gereift. Sie entwickelte sich zu Beginn der 80er Jahre des 20ten Jahrhunderts und mündete in der Gründung der beiden ersten Fanprojekte in Bremen (1982) und Hamburg (1983). Gewaltförmige Auseinandersetzungen dieser beiden Fanszenen im Norden Deutschlands hatten zuvor Dimensionen erreicht, die die Öffentlichkeit in Bremen und Hamburg aufschreckte.

Im September 1987 gründete eine Gruppe Dortmunder Kommunalpolitiker und Vertreter der Jugend- und Sportverwaltung mit einigen Mitarbeitern des BVB 09 nach Bremer und Hamburger Vorbild einen Trägerverein für sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans. Unter der Prämisse, aktiv und ohne Kontrollabsicht mit allen an Fußballgroßveranstaltungen Beteiligten Lösungen vorhandener Probleme zu erarbeiten und ein verloren gegangenes Stück Normalität in die Fußballstadien zurück zu bringen, begann am 1. August 1988 die praktische Sozialarbeit des "Fan-Projekt Dortmund e.V.".

Als pädagogische Mitarbeiter der ersten Stunde orientierten sich der Sport- und Chemielehrer Joachim Falke und Rolf-Arnd Marewski als Sozialarbeiter an den wenigen Praxisberichten der bis dato vorhandenen Fanprojekten in anderen Bundesländern. Die weiteren Grundlagen der pädagogischen Arbeit bildeten die wissenschaftlichen Arbeiten von Michael Löffelholz in Hamburg, Gunter Pilz in Hannover sowie von Wilhelm Heitmeyer in Bielefeld.

Heitmeyers Forschungen und die daraus resultierenden Schlussfolgerungen basierten auf einem Feldversuch mit der Bielefelder Fanszene in den Jahren 1984 bis 1986 und gelten unter dem Titel "Jugendliche Fußballfans. Soziale und politische Orientierungen, Gesellungsformen, Gewalt" noch heute als Basisliteratur an deutschen Hochschulen. Tenor der Untersuchungen war, die Vielschichtigkeit der Fanszenen hervorzuheben und eine differenzierte Betrachtungsweise einzufordern. Somit geht die Geschichte nordrhein-westfälischer Fanprojekte also auf das Jahr 1984 zurück und ist eng mit den Namen Wilhelm Heitmeyer und Ingo Peter verbunden.

Grundsätzliche Überlegungen

und Einstieg in die soziale Arbeit mit Fans in Dortmund

Die Jahre 1988 und 1989 standen in Dortmund ganz im Zeichen der Orientierung in einem neuen Feld der Sozialarbeit. Joachim Falke und Rolf-Arnd Marewski suchten und fanden recht schnell, sicher begünstigt durch Falkes Erfahrung als Fan des BVB, den Kontakt zu allen relevanten Fangruppen im Westfalenstadion. Ebenso schnell wurde klar, dass unser erklärtes Ziel, zur Reduzierung und Kanalisierung gewalttätiger Ausschreitungen am Rande der Fußballspiele beizutragen, nur durch eine direkte Kontaktaufnahme zu den Urhebern der "Randale", dem harten Kern der Dortmunder Hooligans, zu erreichen war. Neben dieser Zielgruppe durften natürlich all die Fans des BVB aus schwachen sozialen Verhältnissen nicht vergessen werden, die ebenfalls Adressaten unserer Arbeit wurden. Weiter war klar, dass Sozialarbeit mit delinquenten Jugendgruppen im Umfeld des Profifußballs in Dortmund nicht nur auf die Erfahrungen anderer Bundesligastädte zurückgreifen konnte. Wir mussten unseren eigenen Weg finden, um der besonderen Situation in Dortmund gerecht zu werden.

Falke und Marewski waren sich mit unserem Vorstand, der ihnen in all den Jahren ihrer Tätigkeit bei allen Entscheidungen politisch den Rücken frei hielt, früh einig, im Gegensatz zur Polizei, die mit den Folgen der "Fußballrandale" konfrontiert war, primär die Ursachen für Jugenddelinquenz bearbeiten zu müssen. Sie wollten dem Motto "Integration statt Ausgrenzung" gerecht werden und nicht als "Polizeispitzel" bei den Fans gelten. Die Begleitung und Betreuung der Dortmunder Fußballfans bei nahezu allen Heim- und Auswärtsspielen des BVB 09 bildete in der Folgezeit die Grundlage für unzählige Gespräche mit Angehörigen der Hooligan-Szene, um eben diese Ursachen herauszufinden.

Die Auswertung dieser Gespräche ergab, dass neben vielfältigen, individuell bedingten Gründen drei Hauptursachen für strafrechtlich relevantes Verhalten Jugendlicher verantwortlich waren:

die vollkommen natürliche Erlebnisorientierung junger Menschen, die durch die allgegenwärtige Medienpräsenz in unserer Gesellschaft noch verstärkt und auf ungeahnte Bereiche ausgedehnt wird.
der Verlust jugendtypischer Freiräume in einer jugendfeindlichen, auf Individualisierung ausgerichteten (Erwachsenen-)Welt sowie
der Wunsch eines jeden Jugendlichen, in der Welt der Erwachsenen ein Zeichen zu setzen, eine eigene Handschrift zu hinterlassen.


Während zuerst Joachim Falke, ab 1992 dann Thilo Danielsmeyer die Schwerpunkte ihrer Arbeit auf sportliche Angebote zur Freizeitgestaltung junger Fußballfans legten und Veranstaltungen in diesem Bereich organisierten, standen bei Rolf-Arnd Marewski die gezielte Krisenintervention sowie fundierte Einzelhilfen zur Stärkung einzelner persönlicher Fähigkeiten abseits des Fußballs nicht nur bei gewaltbereiten Fans des BVB 09 im Mittelpunkt.


Diese Aufgabenteilung sollte dazu dienen, einerseits die unterschiedlichen Ausbildungen der Mitarbeiter zu berücksichtigen und andererseits angemessen auf die verschiedenen Ursachen für jugendliche Gewaltbereitschaft bei Fußball-Bundesligaspielen einzugehen. Es stellte sich allerdings sehr schnell heraus, dass die pädagogische Arbeit im Fan-Projekt erfolgreich nur im Team mit übergreifenden Tätigkeiten auf zwei Ebenen stattfinden konnte.


Die direkte und konkrete Sozialarbeit auf einer persönlichen Beziehungsebene mit den jungen Fußballfans bildete dabei die eine Säule der pädagogischen Tätigkeiten. Die Kooperation mit den verschiedenen beteiligten Institutionen und nicht zuletzt den Medienvertretern bildete die zweite, unverzichtbare Säule, um die Ausgrenzung gewaltbereiter Fans in Frage zu stellen und eine öffentliche Akzeptanz der eigenen Arbeit zu erreichen. Ein zusätzliches Ziel unserer pädagogischen Arbeit war die Stärkung der intakten, kreativen und gewachsenen Fanszene; hier sollte das Fan-Projekt die jungen Menschen integrieren, die der Faszination gewaltförmiger Auseinandersetzungen zu erliegen drohten. Dazu kam dem Projekt entgegen, dass man nach der Arbeitsaufnahme von Thilo Danielsmeyer im Jahre 1992 und dem Wandel vom Hooliganprojekt zum Fanprojekt eine stärkere Bindung zu großen Teilen der Dortmunder Fanszene erreichen konnte.

Neben der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen in Dortmund wurde schon sehr früh eine Vernetzung der sich in anderen Städten etablierenden Fanprojekte angestrebt, die am 9. Mai 1989 erste Konturen annahm. Ein zu dieser Zeit überschaubarer Haufen enthusiastischer Berufskollegen nahm damals in Dortmund die Gründungsversammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte zum Anlass, bundesweit auf sich aufmerksam zu machen. Das mediale Interesse an der Versammlung der Fan-Pädagogen war sicherlich Anstoß vieler Überlegungen und Diskussionen, die fortan in Städten mit Bundesligavereinen geführt wurden.

Das "Nationale Konzept Sport und Sicherheit"

Das Jahr 1993 war geprägt von weitreichenden Veränderungen in der sozialpädagogischen Arbeit mit Fußballfans in ganz Deutschland.

Selbst der damals zuständige Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW, Franz Müntefering, besuchte in diesem Jahr das Fan-Projekt Dortmund e.V., um sich ein Bild von der medial hochgelobten pädagogischen Arbeit mit Fußballfans zu machen. Damals saß er 1 ½ Stunden mit Hooligans der älteren Generation aus Dortmund in einer fruchtbaren Diskussionsrunde zusammen. Sein Besuch sowie unsere Referate vor Mitgliedern verschiedener politischer Gremien steigerten sicherlich die politische Akzeptanz des Dortmunder Projekts.

Die Umsetzung des "Nationalen Konzepts Sport und Sicherheit", das eine Drittelfinanzierung bestehender Fanprojekte durch 1. die jeweiligen Bundesländer, 2. den DFB und 3. die jeweiligen Kommunen festschrieb, ist als Meilenstein für die Konsolidierung der Fanprojekte Deutschlands zu werten. In dieser von der Innenministerkonferenz der Länder auf den Weg gebrachten Vorlage wurde zudem angeregt, in jeder Stadt, die Erst- und Zweit-Bundesligisten beherbergt, ein sozialpädagogisch arbeitendes Fanprojekt zu etablieren und eine Vernetzung einzuleiten. Dazu wurde eigens die Koordinationsstelle der Fanprojekte Deutschlands, kurz KOS, in Frankfurt bei der Deutschen Sportjugend eingerichtet, bei der in den Anfangsjahren Thomas Schneider, ein ehemaliger Kollege aus Hamburg die Pionierarbeit bei Aufbau und Koordinierung deutscher Fanprojekte leistete. Zur Zeit leitet sein langjähriger Mitarbeiter Michael Gabriel, Ex-Kollege aus Frankfurt die KOS, die durch Volker Goll, ein intimer Kenner der deutschen Fanszene mit Wurzeln in Offenbach sowie Gerd Wagner komplettiert wird. Sie alle tragen dafür Sorge, die von der Politik definierten Ziele zu erreichen, was inzwischen bis auf wenige Ausnahmen auch gelungen ist. Inzwischen existieren 50 sozialpädagogisch tätige Fanprojekte im Bereich der deutschen Fußball – Ligen.

Wenige Monate nach ihrer Einrichtung organisierte die KOS schon die erste Bundeskonferenz in Bochum; es war die Auftaktveranstaltung für jährlich wiederkehrende Tagungen, an denen eine stetig steigende Zahl deutscher Fanprojektlern teilnahm, um sich an einem wissenschaftlich begleiteten Erfahrungsaustausch zu beteiligen. Eine der zahlreichen Bundeskonferenzen der Fanprojekte fand zum Beispiel im April 2006 in Dortmund statt und befasste sich thematisch mit dem Stand der Vorbereitung der geplanten Fan- und Besucherbetreuung bei der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland. Hierzu erschienen neben den Vertretern deutscher Fanprojekte auch ausländische Kollegen verschiedener Teilnehmerländer, die ihre Organisationen repräsentierten, die ihrerseits der FSI, der Football Supporters International, angehören. Gemeinsam mit ihnen sollte das Motto der WM 2006 "Die Welt zu Gast bei Freunden" mit Leben erfüllt werden.

Gewaltprävention und Antirassismus-Fußballturniere

– die "Street-Tour" und richtungweisende Poster

Ebenso im Jahre 1993 veranstalteten wir erstmalig die Südtribünenmeisterschaft. Das Fußballturnier für BVB-Fans von nah und fern entwickelte sich nicht zuletzt dank unseres Sportdirektors Thilo Danielsmeyer von einem Turnier mit überschaubarer Teilnehmerzahl in den ersten Jahren des Projekts zu einer Großveranstaltung, an der z.B. 1996 96 Mannschaften aus ganz Europa teilnahmen. Diese Mannschaften spielten dann den Siegerpokal des jeweiligen Biersponsors des BVB 09, in früheren Jahren den Preis der DAB, später den der Warsteiner Brauerei aus. Inzwischen hat wieder eine Dortmunder Brauerei, die Brinkhoff's, die Finanzierung dieser Fanturniere übernommen. Allerdings ist wegen des Umbaus und damit verbundenen desolaten Rasens die Durchführung des Endspiels vor einem Heimspiel des BVB 09 im Dortmunder Signal Iduna Park nicht mehr möglich.

Ebenso unter der Federführung von Thilo Danielsmeyer entstand im Winter 1994 das Fanclub-Hallenmasters, ein gleich geartetes Turnier in zwei Dortmunder Sporthallen, das den Dortmunder Fanclubs in der Winterpause jeder Spielsaison als Abwechslung sehr willkommen ist. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist sicherlich die Teilnahme der Einsatzhundertschaft der Dortmunder Polizei an einigen Turnieren. Die Einheit war und ist sehr bemüht, auch auf diesem Weg ein konfliktfreies Verhältnis zu den Fans herzustellen.
Die sportlichen Aktivitäten des Fan-Projekt Dortmund e.V. wurden in den Folgejahren ständig ausgebaut und auf anderen Ebenen der Jugendarbeit eingesetzt.

So erwarb das Fan-Projekt Dortmund e.V. 1994 nach einer Idee von Thilo Danielsmeyer mit Unterstützung eines lokalen Sponsors ein mobiles Straßenfußball-Feld, eine von meterhohen Banden umgebene Spielfläche mit integrierten Toren und Netzen, die, auf Freiflächen aufgebaut, Kindern und Jugendlichen in Dortmund das Gefühl des Straßenfußballs der 60er Jahre vermitteln soll. Wir setzten dieses Spielfeld bei den verschiedensten Großveranstaltungen im Bereich der Jugendhilfe zu nicht-kommerziellen Freizeitangeboten ein und begründeten damit eine Möglichkeit, mit sportpädagogischen Mitteln einen Beitrag zur Gewaltprävention bei jungen Menschen in unserer Gesellschaft zu leisten.

Schon bei den ersten Veranstaltungen im Jahre 1994 in Vororten Dortmunds mit hohem Ausländeranteil erwies sich die Annahme der Initiatoren als richtig, Kinder und Jugendliche verschiedenster Nationalität könnten im sportlichen Vergleich sprachliche und soziale Barrieren überbrücken und ein konfliktfreies Miteinander lernen. Unter dem Motto "Kick Racism Out" entwickelte sich die "Street-Tour" des Fan-Projekt Dortmund e.V. im Laufe der Jahre, auch dank einer finanziellen Förderung der EU Kommission in den Jahren 1996/1997 zu einem ernstzunehmenden Instrument der offenen Jugend-Sozialarbeit in Dortmund und darüber hinaus. Beispielsweise reiste das Streetkick-Team des Fan-Projekt Dortmund e. V. im Jahre 1997 nach England, um in verschiedenen Städten diese innovative Spielidee vorzustellen. Wir ernteten im Mutterland des Fußballs viel Lob und konnten Partnerorganisationen dazu bewegen, selbst Fußballanlagen zu bauen und diese im Bereich der außerschulischen Jugend-Sozialarbeit einzusetzen. Nach Auslaufen der europäischen Förderung sorgte 1997 eine Sponsorvereinbarung mit der DEW 21, einem Dortmunder Energieunternehmen sowie eine jährliche Projektförderung des Landes NRW für eine Fortsetzung der "Street-Tour".

Seit dem Jahr 2000 können nun jährlich über 50 Veranstaltungen in Dortmund unter Leitung eines Sozialpädagogen und mehreren Honorarkräften des Fan-Projekts durchgeführt werden. Im Laufe der Jahre wurde die Ausrüstung des Fan-Projekt Dortmund e.V. permanent aufgestockt, sodass inzwischen drei mobile Kleinfußballanlagen, zwei Torwände, eine Hüpfburg, ein Kleinhockeyfeld, zwei Torschussmessanlagen und weitere Elemente bei großen Veranstaltungen mit zwei Fahrzeugen und mehreren Anhängern zur mobilen Jugendarbeit eingesetzt werden können.

Die "Street-Tour" ist inzwischen zu einem festen Bestandteil institutioneller Jugendarbeit in Dortmund geworden; sie ist nicht mehr wegzudenken und diente im Vorfeld der WM 2006 allen Fanprojekten in NRW als sichtbares Zeichen einer sich nahenden Euphorie.

Schon im Jahre 1997 konnte das Fan-Projekt Dortmund zudem weitere Akzente in der Antirassismusarbeit im Fußball setzen, als wir durch die Aussagekraft eines Posters mit dem Titel "Kick Racism out" die Absurdität des Rassismus' bei Fußballvereinen verdeutlichten.

Damals, im Jahr des größten sportlichen Erfolges des BVB, konnten wir aktuelle Nationalspieler verschiedener Länder gemeinsam mit Kindern, die die dazugehörigen Nationaltrikots trugen, zu einem Bild zusammenbringen. Dieses großflächige Poster hing noch Jahre später als Zeichen gegen Rassismus in vielen Büros verschiedenster Ministerien, Anwaltskanzleien und einigen Arztpraxen.

Ein weiteres Poster sorgte in Dortmund und darüber hinaus im Vorfeld der WM 2006 für Aufsehen, als wir ein weiteres Bild mit Nationalspielern des BVB aufnahmen, die während der WM als Vertreter verschiedener Kulturkreise in Dortmund zusammentrafen und sich willkommen fühlten. Dieses symbolträchtige Motiv konnten wir sowohl als Poster als auch als Postkarte der Öffentlichkeit näher bringen. Begleitend zu diesem Poster entstanden unter der Federführung des Sportdirektors Danielsmeyer neue WM-Maskottchen für Dortmund. 1974 waren "Tip und Tap" in aller Munde, 2006 hießen die Helden nun "Aki und Metze" und waren, auf Biergläser gedruckt, viel gefragte Andenken an Dortmund. Als Poster waren sie während der WM 2006 fester Bestandteil des Dortmunder Straßenbildes.

Borussenkids on tour und das BVB-Lernzentrum

Neben den zuvor schon beschriebenen Arbeitsschwerpunkten zeichnete sich das Fan-Projekt Dortmund e.V. durch eine große Kreativität aus, wichtige Projekte auch angesichts leerer öffentlicher Kassen unvermindert intensiv durchzuführen und, nicht unwichtig, entsprechend zu finanzieren. So kann ein seit Jahren viel beachtetes und gelobtes Angebot, Kinder bis usprünglich 16 (mittlerweile 17) Jahren für einen sehr geringen Kostenbeitrag, dafür aber mit pädagogischer Betreuung und demzufolge ohne Nikotin und Alkohol zu Auswärtsspielen fahren zu lassen, mit der Hilfe eines Sponsors, der Dortmunder Stadtwerke (DSW21), weiter aufrecht erhalten werden. Im Jahr 2011 wurde der Name "Borussenkids" auf Wunsch der Jugendlichen in "Young Generation Dortmund" umgenannt.

Neue Wege in der Fanarbeit gingen wir im Dezember 2003, als wir mit zwei Vertretern des Jugendamtes Dortmund in die englische Partnerstadt Leeds reisten, um ein in England sehr stark verbreitetes System der sozialen Verantwortung der großen englischen Sportvereine kennen zu lernen und eine Übertragbarkeit nach Dortmund zu überprüfen. Seit Anfang Dezember 2004 existiert nun, vom Fan-Projekt Dortmund e.V. restauriert und eingerichtet, im ehemaligen Westfalenstadion das BVB-Lernzentrum, finanziert mit der Hilfe einiger Sponsoren sowie EU-Mitteln, die zwar zaghaft, aber letztlich doch in gewünschter Höhe überwiesen wurden.

Die tägliche Nutzung der ersten derartigen Einrichtung in Deutschland ist durch unseren Kooperationspartner, das Dortmunder Jugendamt, gewährleistet. Das Jugendamt bietet vielfältige Kurse zur Jugendförderung an und nutzt die Faszination des Profifußballs zur Motivationssteigerung junger Menschen, wieder eine Bildungseinrichtung zu besuchen. Zu den Unterrichtseinheiten gehören zum Beispiel auch Stadionführungen, Trainingsbesuche und Besuche der Pressekonferenzen, die das Fan-Projekt als Bindeglied zum Verein möglich macht.

Die Neonazis in Dortmund

und der Dortmunder Umgang mit ihnen

Die sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans des BVB 09, die zumeist ihre rechtsradikale Gesinnung provokativ durch Habitus und Kleidung auf der Südtribüne des Dortmunder Westfalenstadions zur Schau stellen, nimmt nach wie vor einen großen Stellenwert ein. Hier ist zu unterscheiden zwischen den naturgemäß etwas älteren Neonazis, die offen und geschult rechtsradikales Gedankengut in die Dortmunder Fan-Szene tragen, und den jungen Menschen, die autoritätsgläubig den abstrusen Gedankengängen folgen und ihrerseits dadurch auffallen wollen, indem sie sich durch martialisches Auftreten von der restlichen Fan-Szene abgrenzen. Speziell diese jungen Mitläufer sind eine wichtige Zielgruppe unserer täglichen Arbeit, weil wir erkannt haben, dass wir nur partiell und in einzelnen Situationen auf die Wortführer nachhaltig einwirken können.

Besonders bei erlebnisorientierten Jugendlichen, die in hohem Maße anfällig für exzessives Ausleben körperlicher Gewalt sind, ist eine gesteigerte Aggressivität gegenüber Schwächeren zu erkennen. Dieses gesellschaftlich weit verbreitetes Phänomen trifft natürlich auch für junge, ihre eigene Position in der Gleichaltrigengruppe suchende Fußballfans zu, die sich durch verschiedene Aktionen in das öffentliche Interesses geschoben haben. Allerdings ist den meisten jungen Männern, die näheren Kontakt zum Fan-Projekt Dortmund e.V. haben, bewusst, worauf sie sich dabei einlassen. Dies beruht auf dem bereits angesprochenen "integrativen Umgang" mit Andersdenkenden und Andershandelnden, auch mit gewaltbereiten jungen Menschen im Umfeld der Neonazis.

Ideologisch irregeleitete junge Menschen betteln förmlich um Aufmerksamkeit und Hilfe in persönlichen Lebenskrisen. Diesen Hilfe zu versagen, bedeutet eine gefährliche Stigmatisierung, die nicht selten zu einer Kriminalisierung führt. Eine solche Stigmatisierung führt zudem sicherlich aber zur Mystifizierung einzelner Personen oder Gruppen, die dadurch erst interessant werden für unbedarfte Jugendliche und Kinder.

Folgen dieser Entwicklung sind schon jetzt deutlich zu erkennen. Viele dieser Kinder und Jugendlichen äußern sehr drastisch ihre Bedürfnisse und Ambitionen, indem sie klar zum Ausdruck bringen: "Wenn ihr Erwachsenen schon nicht bereit seid, uns zu lieben, dann fürchtet uns wenigstens." Die in jüngerer Vergangenheit verstärkt auftauchenden, rechtmäßig angemeldeten Demonstrationen des Rechtspopulisten Christian Worch und anderer ewig Gestriger tragen wesentlich dazu bei, junge Menschen auszugrenzen und in einen stigmatisierten Bereich unserer Gesellschaft zu drängen, in dem sie sich wohl fühlen, weil sie dort im Mittelpunkt öffentlichen Interesses stehen.

Seit inzwischen mehr als 20 Jahren stehen die MitarbeiterInnen des Fan-Projekt Dortmund e.V. besonders diesen Jugendlichen in vielen Lebenssituationen als Ansprechpartner zur Seite und haben vielleicht dazu beigetragen, dass einige von ihnen gelernt haben, demokratische Grundwerte und Normen zu begreifen und zu akzeptieren. Einige dieser rechtsorientierten Jugendlichen in Dortmund haben erkannt, dass die MitarbeiterInnen des Fan-Projekts "nicht nur linksideologische Schwätzer" sondern ernstzunehmende Gesprächspartner sind, die neben konkreten Hilfeleistungen auch dazu beitragen können, Politik transparenter zu machen und Aufgeschlossenheit zu vermitteln .

Wandel der Fan-Szene

und der Arbeitsschwerpunkt in Dortmund

Mitte der 90er Jahre vollzog sich ein Generationswechsel innerhalb der Fan-Szene. Nicht zuletzt durch unsere Arbeit sowie die gute Kooperation aller an Fußballgroßveranstaltungen Beteiligten - in dem Zusammenhang sind vor allem der BVB 09, der Ordnungsdienst im Verein, die Polizei sowie die beteiligten Stadtämter zu nennen - nahm die offenen Eskalation der Gewalt im Umfeld des Westfalenstadions nach und nach ab.

Seit 2000 haben sich die "Ultras" in Dortmund etabliert. In den Folgejahren hat sich diese Fangruppierung schnell zum ernst zu nehmenden Ansprechpartner für Verein und Fan-Projekt entwickelt. In Hinblick auf konfliktfreie Fußballspiele in Dortmund ist eine beharrliche Mittlertätigkeit der Dortmunder Fan-Projektler zwischen den kreativen Köpfen dieser Gruppierung und den Ordnungsbehörden notwendig, damit junge Menschen bei ihrem Wunsch, innovativ "ihre" Mannschaft zu unterstützen, weiterhin kreative und positive Mechanismen einsetzen.

Unterstützung erhoffen wir uns dabei von den verschiedenen Gremien des BVB 09 Dortmund, insbesondere durch eine vertrauensvolle Kooperation mit der ideenreichen und elanvollen BVB-Fanabteilung sowie der BVB-Fanbetreuung, die Anfang des letzten Jahres im Verein in neuer Besetzung ihre Arbeit aufnahm.

Internationale Einsatzgebiete und Fanbetreuungskonzepte

Seit dem Gewinn des DFB-Pokals im Jahre 1989 ist sowohl die Profi-Fußballmannschaft des BVB 09 Dortmund als auch das Team des Fan-Projekt Dortmund e.V. international im Einsatz. Allerdings erlaubte die in den Anfangsjahren angespannte und unsichere finanzielle Situation des Fan-Projekts lediglich einem Mitarbeiter die Begleitung und Betreuung der BVB-Fans auf der Reise zu einem Spielort im europäischen Ausland.

Vor internationalen Spielen in Dortmund waren aber unsere Kompetenz und Erfahrung zur Vorbereitung des später legendär gewordenen Fan-Treffs stark gefragt. Seit der finanziellen Absicherung der Fan-Projekte entsprechend dem nationalen Konzept "Sport und Sicherheit" im Jahre 1993 können wir gemeinsam und wesentlich effektiver unseren pädagogischen Auftrag im europäischen Ausland wahrnehmen. In all den Jahren waren die MitarbeiterInnen des Fan-Projekts immer AnsprechpartnerInnen für Dortmunder Fans und Vertreter des sportlichen Gegners, stifteten oftmals als Bindeglied Verhaltenssicherheit bei allen Beteiligten und konnten so zum vorbildlichen Auftreten Dortmunder Fans im Ausland beitragen.

Wichtige Erfahrungen auf diesem Gebiet konnten während der WM 1990 in Italien sowie bei der EM 1992 in Schweden gesammelt werden, als man im Rahmen einer DFB-Fanbetreuungsmaßnahme zum Team deutscher Fan-Projektler gehörte, die deutsche Fußballfans vor Ort betreuten. Schon dort wurden die Grundlagen gelegt für effiziente Fanbetreuungsmaßnahmen bei internationalen Turnieren, die in den Folgejahren weiter ausgebaut, konzeptionell verankert und in verschiedenen Ländern mit Erfolg durchgeführt wurden. Überall, wo die "mobile deutsche Fanbotschaft", zumeist ein knallroter, auffälliger Bus in den Spielstädten der deutschen Mannschaft in Frankreich, England, Holland und Belgien und nicht zuletzt in Portugal stand, waren engagierte Fanprojektler nicht weit, um die neuesten Fan-Guides zu verteilen, die hochaktuell von einem nimmermüden Redaktionsteam aus engagierten Fußballfans meist nachts produziert worden waren und bei den mitreisenden Fans der deutschen Nationalmannschaft für Verhaltenssicherheit sorgten.

Der DFB hat die Kosten für Fanbetreuungsprogramme der bundesdeutschen Fanprojekte in den Ausrichterländern der Fußball WM's und EM's übernommen und unterstützte die vor Ort weilenden Pädagogen mit Rat und Tat. Nachdem nun das nahezu identische WM OK mit der Hilfe der Koordinationsstelle der Fan-Projekte ein "Fan- und Besucherbetreuungskonzept" für die deutschen Ausrichterstädte der Fußball WM 2006 beschlossen hatte, nahm die Idee der stationären und mobilen Fan-Botschaften, die von deutschen Fanprojekten für ihre internationalen Gäste geplant waren, einen großen Raum in den Planungen ein und nicht nur hier in Dortmund bekamen wir die volle Unterstützung kommunaler Entscheidungsträger.

Mit der Hilfe vieler freiwilliger Helfer, sogenannter "Volunteers", sollten von dort aus alle Hilfsmassnahmen für die in- und ausländischen Gäste ausgehen. Nicht ohne Grund sind gerade wir als Vertreter des Fan-Projekt Dortmund e.V. vom FIFA WM Organisationskomitee mit der Umsetzung dieses Konzepts in Dortmund betraut worden. Mit der über die Jahre gesammelten Erfahrung konnten wir sicherlich mit dazu beitragen, den vielen Fans aus aller Welt gute Gastgeber in Dortmund zu sein. Das vielerprobte Dortmunder Fantreff–Modell vor internationalen Spielen des BVB 09, das gezielt Fans verschiedener Nationen und Kulturkreise zum Feiern zusammen gebracht hat, diente demnach offensichtlich als Muster dieser erstmalig bei Weltturnieren angewandten Methode der Gästebetreuung.

Über die dem FIFA WM OK angegliederten offiziellen Fanbetreuungsmassnahmen hinaus, durften aber während der WM die vielen jugendlichen Fußballfans speziell unseres Bundeslandes nicht vergessen werden, die keine Eintrittskarte ergattern konnten. Für diese jungen Menschen, aber auch für die vielen sportbegeisterten Fußballfans aus aller Welt haben wir in Dortmund während der WM in unmittelbarer Stadionnähe ein attraktives Sportgelände angemietet. Hier gab es Platz für ein offenes Fußballangebot und Fan-Länderspiele; hier war der Austragungsort für internationale Antirassismusturniere sowie viele Fußballbegegnungen mit den Partnerorganisationen des Fan-Projekts Dortmund e.V.

Durch dieses gemeinsame Sporttreiben/Fußballspielen haben einheimische Jugendliche die Chance erhalten, eine Vielzahl fremder Kulturen kennen zu lernen, bestehende Vorurteile abzubauen und Weltoffenheit und Toleranz zu lernen. Im Vorfeld der WM wurden die Jugendlichen darauf vorbereitet, auch über den Sport hinaus die Zeit mit ausländischen Gästen zu verbringen. Gemeinsames Erkunden der WM-Stadt mit den vielfältigen kulturellen Angeboten, gemeinsames Erleben des speziellen WM-Flairs und geselliges Beisammensein der Fußballfans aus aller Welt wurden so zu einem unvergesslichen und prägenden Erlebnis. Zaungäste verwandelten sich so zu aktiven Teilnehmern dieser WM und nicht zuletzt zu Botschaftern unserer Stadt. Das Fan–Projekt Dortmund e.V. als Initiator all dieser Zusatzmaßnahmen hat sicherlich ein kleines Scherflein zu einer rundum gelungenen Weltmeisterschaft in Deutschland beigetragen.

In diesem Zusammenhang sollte dann auch nicht verschwiegen werden, dass das Fan-Projekt Dortmund e.V. wiederholt für die pädagogische Arbeit gewürdigt wurde. Schon 1995 erhielten wir aus den Händen des damaligen Innenministers des Landes NRW Herbert Schnoor den "Goldenen Hammer zur Überwindung von Gewalt und Rassismus", den die Arbeitsgruppe SOS-Rassismus NRW jährlich an verdiente Menschen oder Institutionen unseres Bundeslandes verlieh.

Im Jahr 2007 wurde uns eine besondere Ehrung im Umfeld eines Länderspiels in Duisburg durch den Deutschen Fußball Bund zuteil.

Der DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger überreichte unserer 1. Vorsitzenden Susanne Haensel den Julius Hirsch Preis 2006 "in Anerkennung unseres besonderen Einsatzes für Freiheit, Toleranz und Menschlichkeit und gegen nationalistische, rassistische und fremdenfeindliche Erscheinungsformen".

Resümee

Rückblickend auf mehr als 25 Jahre sozialpädagogische Arbeit mit Fußballfans in Dortmund kann sicherlich
mit Fug und Recht behauptet werden, dass wir den in 1988 formulierten Zielen, möglichst viele junge Menschen im Umfeld des Profifußballs in der Phase des Heranwachsens, der Adoleszenz, vor Inhaftierung und ein Abgleiten in kriminelle Karrieren zu bewahren, recht nahe gekommen sind. Wir haben die Entwicklung vieler junger Fans des BVB 09 begleitet, natürlich haben wir nicht Alle erreicht, aber sicherlich hat die Existenz des Fan–Projekt Dortmund e.V. viele Beteiligte an Fußballgroßveranstaltungen, Fans wie Veranstalter, Medien wie Öffentlichkeit und Polizei wie Gerichte nachdenklicher und den Umgang miteinander harmonischer gemacht hat. Hoffentlich können wir alle in Zukunft dazu beigetragen, ein wenig Normalität auf die Fußballplätze Deutschlands zurück zu bringen.